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Die Karl Lauterbach Festspiele

Nein, die Sendung „Markus Lanz“ wird nicht umbenannt in „Markus Lauterbach“. Und „Hart aber fair“ trägt auch künftig nicht den Titel „Karl aber fair“. Selbst wenn man leicht den Überblick verliert, in welchen Talkshows SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu Gast ist. Manchmal scheint es, als gäbe es ihn mehrfach. „Schon wieder der Lauterbach!“ schimpfen die, die ihn nicht mögen, während andere ihn offenbar nicht oft genug sehen können. 

Im vergangenen Jahr war Lauterbach der mit Abstand häufigste Gast in den Fernseh-Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender. Der 58-Jährige kam auf insgesamt 30 Auftritte, berichten die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Er lag damit vor dem USA-Korrespondenten des ZDF, Elmar Theveßen, der 27 Mal zu Gast war.

Wie kommt es, dass Karl Lauterbach so oft in Talkshows ist?

Wer kritisiert, dass oft dieselben Gäste eingeladen werden, übersieht, dass sich nicht jeder Experte für eine Talkshow eignet. Neben fachlicher Kompetenz muss ein Talkshow-Gast auch Sprachfertigkeit besitzen. Das heißt: pointiert reden, schwierige Sachverhalte auf den Punkt bringen. Deshalb greifen die Redaktionen gern auf bewährte, eloquente Gäste zurück. Und auf populäre. Sie laden kaum jemanden erneut ein, bei dem die Quote beim vergangenen Besuch sank. Bei Lauterbach schalten wohl mehr Menschen ein als ab. Das sind dann aber nicht nur seine Fans. Manch einer will ihn auch scheitern sehen. 

Ein streitbarer Gast wie Lauterbach sorgt für lebendige Talk-Runden. Das Thema „Corona“ erregt die Gemüter ohnehin. Durch Lauterbachs Thesen fühlen sich viele zusätzlich provoziert. Dabei betont er, dass er keine Ängste schüren will, sondern sich auf seriöse Studien beruft, Wahrheiten benennt und auch immer Lösungsvorschläge macht. Und er beweist Diskussionskultur. Er streitet in der Sache, wird nicht persönlich, unterbricht nicht und bleibt gefasst, auch wenn er angegriffen wird. 

Bei „Markus Lanz“ ist Lauterbach längst Dauergast. Markus Heidemanns, Chefredakteur der Sendung, erklärte gegenüber DWDL.de: „Warum soll ich einen guten Gast zu einem bestimmten Thema nicht einladen, nur weil er schon so oft da war? Mich hat immer die Meinung von Karl Lauterbach interessiert.“ Kaum einer habe schließlich mit seiner Einschätzung und Prognose so richtig gelegen wie dieser „sehr gute Epidemiologe und führende Experte“ in der Pandemie. „Das können wir belegen. Bei uns sprach er schon von der zweiten Welle, als ihn alle anderen als apokalyptischen Reiter belachten.“

Karl Lauterbach ist auch deswegen ein gern gesehener Gast, weil ihn viele als originell empfinden. Dafür sorgen sein rheinischer Dialekt, seine Ausdrucksweise und sein Humor. Sein bisher skurrilster Auftritt: in der „Heute Show“ vom 19.02.2021 las er gegen ihn gerichtete Hassnachrichten vor und antwortete darauf in der für ihn typischen, selbstironischen Art. So schrieb Lori W.: „Der ist selbst der größte Mutant.“ Und Lauterbach entgegnete: „Wenn ich ein Mutant wäre, wäre ich ansteckend, und das einzige, das bei mir noch ansteckend geblieben wäre, wäre dann der Humor, den ich mir auch in dieser Phase nicht nehmen lasse.“ Und Ralph K. fragte: „Warum läuft der eigentlich noch frei herum?“ Darauf Lauterbach: „Das ist eine gute Frage, Ralph. Tatsächlich habe ich meine sozialen Kontakte weitgehend eingeschränkt, aber es ist ein Gerücht, dass der einzige verbleibende Sozialkontakt Markus Lanz wäre. Etwas breiter aufgestellt ist es dann doch noch.“

Karl Lauterbach in der „Heute Show“ vom 19.02.2021:

Der Talkshow-Irrgarten

Die Freitags-Talkshows in den dritten Programmen der ARD machen es einem ganz schön schwer. Nicht weil sie schlecht wären, ganz im Gegenteil: die illustren Runden mit routinierten, eingespielten Moderatoren sowie mit prominenten und unbekannten Gästen liefern beste Unterhaltung und erfreuen sich auch großer Beliebtheit. Nein, es geht nicht um die Qualität der Sendungen, sondern darum, wo wann wer talkt; also um Sender, Laufzeiten und Moderatoren.

Haben Sie schon einmal versucht, jemandem verständlich zu erklären, welche Talkshows am Freitag in den Dritten laufen? Und auf welchem Sender? Und wer sie moderiert? Wenn ja, dann sind Sie wahrscheinlich kläglich daran gescheitert. Aber denken Sie sich nichts. Das kurz und schlüssig zu erklären, ist nämlich kaum möglich. Was für Medien! versucht es trotzdem.

Es beginnt zunächst ganz harmlos: alle Talkshows in den Dritten starten am Freitag um 22 Uhr. Im WDR zum Beispiel lädt Bettina Böttinger zum Kölner Treff. Aber dann ist auch schon Schluss mit der Einfachheit. Denn Böttinger ist im Kölner Treff nicht jede Woche zu sehen. Ab und zu moderieren hier auch Susan Link und Micky Beisenherz als Duo. Die beiden waren zunächst nur als Urlaubsvertretung von Böttinger im Einsatz. Mittlerweile machen sie laut Homepage des Kölner Treffs „gut ein Drittel“ aller Ausgaben. Wie viele genau und in welchem Rhythmus steht nicht da.

Der Kölner Treff dauert bis 23.30 Uhr. Das ist eine halbe Stunde kürzer als die NDR-Talkshow, die von 22 bis Null Uhr läuft. Sie gibt es auf NDR und HR dreimal im Monat mit – und jetzt wird es kompliziert – gleich zwei Moderatoren-Paaren. Am öftesten, und zwar zweimal im Monat, moderieren Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt. Einmal im Monat führen Bettina Tietjen und Jörg Pilawa durch die Sendung. Und in der vierten Woche – in der es ja keine NDR-Talkshow gibt – übernimmt der NDR die Sendung 3 nach 9 von Radio Bremen. Gastgeber der dienstältesten Talkshow im deutschen Fernsehen sind Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo. 3 nach 9 wird auch auf HR und RBB ausgestrahlt.

Daneben sendet der SWR das Nachtcafé mit Michael Steinbrecher, allerdings nur bis 23.30 Uhr. Und im MDR präsentieren Kim Fischer und Jörg Kachelmann das Riverboat, zwei Stunden lang und immerhin ganz regelmäßig jede Woche. Allerdings tritt Kachelmann mittlerweile kürzer. Und weil der MDR weiterhin auf ein Duo setzt, befragt im 14-täglichen Rhythmus jetzt immer ein anderer Gastmoderator neben Fischer die Gäste.

Doch damit nicht genug. Denn es gibt noch den Sendeplatz „Talk am Dienstag“ im Ersten um 22.50 Uhr. Hier wechseln sich einige – aber längst nicht alle – der Freitags-Talkshows ab. Das sind: Kölner TreffNDR-Talkshow3 nach 9 und Nachtcafé. Hinzu kommen Hier spricht Berlin! (RBB) mit Eva-Maria Lemke und Jessy Wellmer, Lebenslieder (RBB) mit Max Mutzke und Club 1 (BR) mit Hannes Ringlstetter. Club 1 ist aber nicht zu verwechseln – oder vielleicht doch – mit Ringlstetter, das donnerstags im BR-Fernsehen läuft. Die Laufzeit des „Talks am Dienstag“ variiert je nach Sendung zwischen eineinhalb und zwei Stunden.

Ganz schwierig wird es, wenn mal ein Moderator ausfällt. Das führt zu völlig neuen Paar-Konstellationen. Als bei der NDR-Talkshow Hubertus Meyer-Burckhardt wegen einer Virus-Infektion pausieren musste, begrüßte Jörg Pilawa – nun an der Seite von Barbara Schöneberger – die Fernsehzuschauer. Andersrum geht es auch: Weil Pilawa bei der Produktion des Quiz ohne Grenzen sein musste, sprang Meyer-Burkhardt für ihn ein und saß gegenüber von Bettina Tietjen. Puh!

Man kann noch eins drauf setzen. Denn das Verwirrspiel wird komplett, wenn ein Moderator zu Gast in einer Sendung ist, die er zum Teil selber moderiert. Also zum Beispiel Pilawa in der NDR-Talkshow von Schöneberger und Meyer-Burckhardt. Und angenommen, einer der Moderatoren wird dann noch vertreten – nein, lieber nicht. Anhand des Fernsehbildes wäre dann nicht mehr zu sagen, welche Sendung man gerade schaut. 

Die große Zahl an Talkshows, und damit an Moderatoren und Gästen, garantiert, dass für jeden Zuschauer etwas dabei ist. Vielfalt ist gut, schön und wichtig. Das wäre Übersichtlichkeit aber auch.