Archiv der Kategorie: Lektionen

Lektion: Wir feiern unser Sänger-Comeback!

Heute wollen wir lernen, wie wir in Interviews über unser Sänger-Comeback erzählen. Das ist ganz einfach. Stellen Sie sich zunächst folgende Situation vor:

Sie sind Sänger. Mit Ihrer Karriere ging es zuletzt kontinuierlich bergab. Jedes Album verkaufte sich schlechter als das vorhergehende. Konzerthallen waren schon lange nicht mehr zu füllen. Nach einer mehrjährigen – natürlich sagen Sie in den Medien „kreativen“ – Pause, hat sich doch noch ein Musikproduzent erbarmt, ein Album mit Ihnen aufzunehmen. Und jetzt sitzen Sie in einem Interview, in dem Sie über Ihr Comeback reden sollen. Nur ein paar Standardsätze auswendig lernen – und schon meistern Sie das Interview bravourös! Die Standardsätze für Ihr Sänger-Comeback lauten (in Klammern darunter der wahre Sachverhalt):

Ich habe eine kreative Pause eingelegt.

(Die Wahrheit: kein Musikproduzent wollte noch etwas mit Ihnen aufnehmen)

Ich habe mich in dieser Pause musikalisch und persönlich weiterentwickelt.

(Die Wahrheit: die gleichen Herz-Schmerz-Nummern wie auf den fünf Alben zuvor)

Ich habe mich dieses Mal in die Texte selber eingebracht.

(Die Wahrheit: bei dem finanziellen Wagnis wurden Ihnen die Texte jetzt erst recht vorgeschrieben)

Ich habe in den Texten meine persönlichen Erlebnisse der vergangenen Jahre verarbeitet.

(Die Wahrheit: die persönlichen Erlebnisse waren keine Downloads und CD-Verkäufe mehr, Streit mit dem Manager sowie keine Engagements)

Ich habe mich auf dem Album neu erfunden.

(Die Wahrheit: wer’s glaubt, wird selig)

Ich war nie richtig weg.

(Die Wahrheit: oh doch, Sie waren weg)

Das nächste Mal lernen wir, wie wir dieselben Antworten in ein paar Jahren wieder geben können.

Lektion: Wir werden Schlager-Texter!

Heute wollen wir lernen, wie wir den Text für einen erfolgreichen Schlager schreiben. Das ist ganz einfach. Dazu betrachten wir zunächst ein paar Beispiele für Original-Textbausteine aus deutschen Schlagerhits:

…die Welt hat viele Wunder…unsere Liebe ist grenzenlos…manchmal frag‘ ich mich warum DU…du hast mich tausendmal belogen…doch es war total Liebe pur…hab so oft mit dir gelacht…ich würd‘ es wieder tun mit dir heute Nacht…

Das genügt. Jetzt sehen wir uns noch die Wörter an, die in deutschen Schlagern besonders oft vorkommen. Neben „Liebe“, „Herz“ und „Schmerz“ sind das:

Freiheit – Unendlichkeit – Sinn – Worte – Kometen – Verstand – Wunder – Millionen – Tränen

Aus den Textbausteinen von oben und diesen Wörtern basteln wir uns nun unseren ersten eigenen Schlagertext. Trinken Sie dazu einen Schluck Sekt, oder auch zwei, kombinieren die Textbausteine und Wörter nach Lust und Laune, rühren kräftig im Gefühls-Brei – und fertig ist unser neuer Schlager-Superhit! Jetzt stellen Sie sich vor: Sie stehen auf einer großen Bühne, vor Ihnen Ihr Publikum. Sie bewegen sich rhythmisch, klatschen dazu in die Hände und singen zu einer x-beliebigen Schlagermelodie unseren neuen Text:

Tralala, tralala

Ich liebe die Liebe,

die Freiheit ist frei,

die Unendlichkeit ist grenzenlos,

und der Unsinn hier auch.

Ich kann singen was ich will – 

alles klingt so gleich

und ergibt auch keinen Sinn.

Meine Worte sind wie Kometen, 

sie explodieren in unserem Verstand.

Manchmal frag‘ ich mich,

wieso ihr einfach nicht kapiert:

meine Texte sind doch Wahnsinn pur.

Ich habe euch tausendmal belogen

und würd‘ es wieder tun, nicht nur heute Nacht.

Ihr werdet euch noch wundern,

ich kriege eure Millionen

und lache bis die Tränen kommen.

Tralala, hahaha!

Lektion: Erzwungener Applaus

Mit „Applaus, Applaus!“ hat Kermit der Frosch von der Muppet-Show das Publikum immer animiert, Beifall zu klatschen. Was bei ihm lustig und offenherzig war, wirkt bei vielen Fernseh-Profis aufdringlich und schmierig. Genau Letzteres wollen wir in unserem Kurs „Schreckliches Fernsehen – leicht gemacht“ auch lernen. Das ist ganz einfach. Wir arbeiten dabei mit sogenannten Applaus-Sätzen. Das sind Phrasen, Floskeln und penetrante Aufforderungen, die wir von bestimmten Fernseh-Profis immer wieder hören, und bei denen das Publikum gar nicht anders kann, als zu klatschen. Denn – Achtung: TV-Merkregel –

Das Publikum hat nicht das Recht, nicht zu klatschen.

Bei den Applaus-Sätzen für Fernseh-Profis unterscheiden wir zwischen Moderatoren, Politikern und Künstlern. Es reicht, pro Berufsgruppe jeweils zwei Applaus-Sätze auswendig zu lernen, und das Publikum klatscht nach Ihren Regeln.

Moderatoren:

1) Ist das nicht ein wunderbares Publikum?

2) Soll Howard Carpendale noch ein zweites Lied singen? Fragen wir doch unser Publikum!

Politiker:

1) Politik muss sich wieder mehr um die Menschen kümmern.

2) Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.

Künstler:

1) Ich bin für mehr Liebe unter den Menschen. Und das Publikum?

2) Ich liebe mein Publikum, und ich weiß, das beruht auf Gegenseitigkeit, oder?

Sie können die Liste ganz nach Belieben selber erweitern. Üben Sie unsere Applaus-Sätze am besten gleich noch heute – vor dem Spiegel, im Freundeskreis oder im Bus, und Sie werden sehen: der Beifall ist Ihnen sicher!

Lektion: Reden wie Politiker

In dieser Lektion wollen wir lernen, wie wir als Politiker in einer Talkshow immer eine gute Figur machen. Das ist ganz einfach. Wir arbeiten dabei mit sogenannten TV-Standardsätzen. Das sind abgedroschene Phrasen, die wir alle schon hundertmal in Talkshows gehört haben, und mit denen wir uns wunderbar aus der Affäre ziehen können.

Sie müssen wissen: Talkshow-Moderatoren haben die Eigenart, oft unangenehme Fragen zu stellen. Aber das soll uns nicht stören. Völlig unabhängig von der ersten Frage des Moderators, antworten Sie mit dem TV-Standardsatz:

Ich bin froh, dass Sie mir diese Frage stellen!

Und Sie fahren unbeirrt fort:

Lassen Sie mich aber zuerst zu dem Thema … etwas sagen.

Sie antworten also grundsätzlich nicht auf die Frage. Das wäre ja noch schöner. Damit gewinnen Sie Zeit und sind fürs Erste schon mal aus dem Schneider.

Der Moderator wird aber erfahrungsgemäß nachhaken. Lassen Sie nun in Ihre Antwort einfach folgende Sätze einfließen:

Wir werden das in der Partei zu gegebener Zeit erörtern.

Und:

Studien haben das bewiesen.

Sowie:

Jetzt ist nicht die Zeit für Personaldiskussionen.

Gibt der Moderator immer noch nicht auf, geben Sie sich mitfühlend und formulieren:

Das macht mich ein Stück weit betroffen.

Sie fahren fort mit:

Ich will Politik für die kleinen Leute machen.

Und Sie setzen noch eins drauf:

Ich denke auch an die alleinerziehende Krankenschwester.

Und wissen Sie mal gar nicht, was Sie sagen sollen, gibt es die sogenannten Was-immer-geht-Sätze wie zum Beispiel:

Ich bin für mehr soziale Gerechtigkeit.

Oder:

Ich will Zukunft gestalten.

Und ein wahrer Knaller unter den Was-immer-geht-Sätzen ist:

Ich finde, wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.

Wenn Sie schon etwas fortgeschritten sind, können Sie den folgenden Satz auswendig lernen:

Was wir brauchen sind substantielle Reformen mit identitätsstiftender Wirkung als Strategie für nachhaltigen Fortschritt.

Was das heißen soll, weiß kein Mensch. Aber es klingt gut! Und passt immer.

Mit diesem Handwerkszeug sind nun Sie bestens gerüstet für Ihren künftigen Auftritt bei Will, Plasberg, Lanz, Maischberger und Illner.

Runden Ihr rhetorisches Kunstwerk ab mit dem Satz:

Das ist es, was wir unseren Wählerinnen und Wählern schuldig sind!

Sie werden sehen, der Beifall – und die Talkshow – gehören Ihnen!

Schreckliches Fernsehen – leicht gemacht: Lektion 1

In unserer ersten Lektion wollen wir lernen, wie wir es mit Anglizismen maßlos übertreiben, damit wir im Fernsehen unerträglich cool daherkommen. Dazu verinnerlichen wir uns folgende neuen Vokabeln:

Wir sagen künftig nicht mehr, dass wir jemanden mit versteckter Kamera hereinlegen, sondern wir PRANKEN jemanden.

Ein Wettkampf ist künftig ein BATTLE.

In einem BATTLE unterstützen wir uns nicht, sondern wir SUPPORTEN uns.

Und ein Lied wird nicht auf der Bühne dargeboten, sondern PERFORMED.

Wir lesen nun laut und deklinieren gleichzeitig:

Ich habe scheiße performed.

Du hast scheiße performed.

Wir haben alle scheiße performed!

Wir wollen das eben Erlernte praktisch auf die Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ anwenden und formulieren abschließend die Alliteration:

Bei Bohlen batteln sich die Bitches!

Das nächste Mal behandeln wir, wie wir langsam aber sicher schönes deutsches Sprache verlernen.