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Lektion: Wir feiern unser Sänger-Comeback!

Heute wollen wir lernen, wie wir in Interviews über unser Sänger-Comeback erzählen. Das ist ganz einfach. Stellen Sie sich zunächst folgende Situation vor:

Sie sind Sänger. Mit Ihrer Karriere ging es zuletzt kontinuierlich bergab. Jedes Album verkaufte sich schlechter als das vorhergehende. Konzerthallen waren schon lange nicht mehr zu füllen. Nach einer mehrjährigen – natürlich sagen Sie in den Medien „kreativen“ – Pause, hat sich doch noch ein Musikproduzent erbarmt, ein Album mit Ihnen aufzunehmen. Und jetzt sitzen Sie in einem Interview, in dem Sie über Ihr Comeback reden sollen. Nur ein paar Standardsätze auswendig lernen – und schon meistern Sie das Interview bravourös! Die Standardsätze für Ihr Sänger-Comeback lauten (in Klammern darunter der wahre Sachverhalt):

Ich habe eine kreative Pause eingelegt.

(Die Wahrheit: kein Musikproduzent wollte noch etwas mit Ihnen aufnehmen)

Ich habe mich in dieser Pause musikalisch und persönlich weiterentwickelt.

(Die Wahrheit: die gleichen Herz-Schmerz-Nummern wie auf den fünf Alben zuvor)

Ich habe mich dieses Mal in die Texte selber eingebracht.

(Die Wahrheit: bei dem finanziellen Wagnis wurden Ihnen die Texte jetzt erst recht vorgeschrieben)

Ich habe in den Texten meine persönlichen Erlebnisse der vergangenen Jahre verarbeitet.

(Die Wahrheit: die persönlichen Erlebnisse waren keine Downloads und CD-Verkäufe mehr, Streit mit dem Manager sowie keine Engagements)

Ich habe mich auf dem Album neu erfunden.

(Die Wahrheit: wer’s glaubt, wird selig)

Ich war nie richtig weg.

(Die Wahrheit: oh doch, Sie waren weg)

Das nächste Mal lernen wir, wie wir dieselben Antworten in ein paar Jahren wieder geben können.

Lektion: Erzwungener Applaus

Mit „Applaus, Applaus!“ hat Kermit der Frosch von der Muppet-Show das Publikum immer animiert, Beifall zu klatschen. Was bei ihm lustig und offenherzig war, wirkt bei vielen Fernseh-Profis aufdringlich und schmierig. Genau Letzteres wollen wir in unserem Kurs „Schreckliches Fernsehen – leicht gemacht“ auch lernen. Das ist ganz einfach. Wir arbeiten dabei mit sogenannten Applaus-Sätzen. Das sind Phrasen, Floskeln und penetrante Aufforderungen, die wir von bestimmten Fernseh-Profis immer wieder hören, und bei denen das Publikum gar nicht anders kann, als zu klatschen. Denn – Achtung: TV-Merkregel –

Das Publikum hat nicht das Recht, nicht zu klatschen.

Bei den Applaus-Sätzen für Fernseh-Profis unterscheiden wir zwischen Moderatoren, Politikern und Künstlern. Es reicht, pro Berufsgruppe jeweils zwei Applaus-Sätze auswendig zu lernen, und das Publikum klatscht nach Ihren Regeln.

Moderatoren:

1) Ist das nicht ein wunderbares Publikum?

2) Soll Howard Carpendale noch ein zweites Lied singen? Fragen wir doch unser Publikum!

Politiker:

1) Politik muss sich wieder mehr um die Menschen kümmern.

2) Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.

Künstler:

1) Ich bin für mehr Liebe unter den Menschen. Und das Publikum?

2) Ich liebe mein Publikum, und ich weiß, das beruht auf Gegenseitigkeit, oder?

Sie können die Liste ganz nach Belieben selber erweitern. Üben Sie unsere Applaus-Sätze am besten gleich noch heute – vor dem Spiegel, im Freundeskreis oder im Bus, und Sie werden sehen: der Beifall ist Ihnen sicher!