Archiv der Kategorie: Fernsehen

Politiker-Statements: Nach der Wahl ist vor der Wahl

Wer ist für das Ergebnis einer Landtagswahl verantwortlich? Bei dieser Frage greifen Politiker in Interviews leicht zu stereotypen Antworten, wobei alles eine Frage des Standpunkts ist. Es kommt darauf an, ob jemand Gewinner oder Verlierer der Wahl ist. Die Gewinnerparteien auf Landesebene sagen gern, ihr eigener Wahlkampf sei entscheidend gewesen. Die Verlierer dagegen machen oft, wenn auch unterschwellig, die Bundespartei verantwortlich.

Auch bei der Frage, ob eine Landtagswahl Signalwirkung für die Bundestagswahl hat, fallen Politker-Antworten immer sehr ähnlich aus. Die Gewinner empfinden ihren Sieg als Rückenwind für die Bundestagswahl, während die Verlierer das Ergebnis nicht ganz so ernst nehmen und behaupten, Land und Bund hätten jeweils ihre eigenen Themen.

Doch Vorsicht: die Zuschauer besitzen mehr Menschenkenntnis und Gespür für Zusammenhänge als manchem Politiker lieb ist. Und eine fadenscheinige Erklärung wird schnell durchschaut. Warum nicht klar Verantwortung übernehmen und Erfolge gönnen – auch innerhalb der eigenen Partei? Dem Vertrauen in die eigene Person und in die Politik täte es gut.

TV-Nachrichten: Die Kunst des stilvollen Abschieds

Immer elegant, immer charmant, und in ihrer Abschiedssendung ganz besonders stilvoll: Petra Gerster hat ihre letzte Heute-Sendung präsentiert und sich von ihren Zuschauern verabschiedet. „Das war’s für mich“, sagte die 66-jährige Journalistin vor laufender Kamera. „Fast 23 Jahre lang durfte ich Sie an dieser Stelle mit den Nachrichten des Tages versorgen.“ Sie dankte den Zuschauern für ihr Vertrauen und schloss mit einem Zitat des ehemaligen Frankfurter Fußballtrainers Dragoslav Stepanovic: „Lebbe geht weider!“ Allein im Zweiten schalteten 4,59 Millionen Menschen ein, bei 3Sat waren es gut 380.000. Die Quote lag insgesamt bei 20,7 Prozent. Hier die Minuten von Gersters Verabschiedung in der Heute-Sendung:

Aber warum berühren uns Abschiedsworte von Nachrichten-Präsentatoren so sehr? Weil die persönliche Ansprache im strengen Ablauf einer Nachrichtensendung angenehm aus dem Rahmen fällt. Weil ein paar freundliche Worte in der Flut der überwiegend schlechten Meldungen wohltuend sind. Weil Dankesworte den sonst immer beherrschten Nachrichten-Präsentator menschlicher werden lassen. Und weil vertraute Nachrichten-Präsentatoren gern gesehene Gäste in unseren Wohnzimmern sind. Wir empfinden Dankbarkeit für die Informationsvermittlung, die Verlässlichkeit und die Glaubwürdigkeit über all die Jahre, und jetzt wird der Dank einmal an die Zuschauer zurückgegeben.

Jeder hat dabei seine eigene Art, sich zu verabschieden. Jan Hofer bindet sich die Krawatte ab, Tom Buhrow zitiert Theodor Fontane, und Ulrich Wickert wünscht noch einmal „eine geruhsame Nacht“. Hier die beeindruckensten Abschiedsworte von deutschen Nachrichten-Präsentatoren:

Jan Hofer:

Thomas Roth:

Tom Buhrow:

Ulrich Wickert:

Dagmar Berghoff:

Karl-Heinz Köpcke:

Eurovision Song Contest: Wussten Sie, dass..?

Das aktuelle Logo des ESC stammt von Cornelis Jacobs und seinem Team von Cityzen Agency und wird seit 2004 – und seit 2015 leicht verändert – verwendet. Quelle: EBU

Europas größte Musikshow steht bevor. Zum 65. Mal wird von Dienstag bis Samstag der Eurovision Song Contest ausgetragen, diesmal in Rotterdam, nachdem 2019 Duncan Laurence mit dem Lied „Arcade“ für die Niederlande gewann, und 2020 wegen Corona kein ESC stattfand. Für Deutschland tritt in diesem Jahr Jendrik Sigwart mit „I don’t feel hate“ an. Jendrik hat das Lied selber geschrieben und produziert. Es beinhaltet drei Zeilen auf Deutsch und ist damit seit 2007 der erste deutsche Beitrag, der Deutsch enthält. Hier noch mehr Wissenswertes rund um den Eurovision Song Contest (ESC):

  • Der ESC findet seit 1956 statt und wird von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) im Rahmen der Eurovision veranstaltet.
  • In Deutschland hieß der Wettbewerb bis 2001 Grand Prix Eurovision de la Chanson. Seit 1992 lautet die offizielle Bezeichnung Eurovision Song Contest.
  • Der ESC ist ein Musikwettbewerb für Komponisten, Textdichter und Songwriter.
  • Die Trophäe wird zwar dem Interpreten übergeben, geht dann aber in den Besitz des Songschreibers über. Dem Interpreten bleibt der gesteigerte Bekanntheitsgrad durch den Sieg.
  • Jedes Lied muss live gesungen werden, ausgenommen des Begleitgesangs.
  • Von 1966 bis 1972 und von 1977 bis 1998 musste jeder Interpret in der jeweiligen Landessprache singen. Seit 1999 ist die Sprache, in der gesungen wird, wieder freigestellt.
  • Es muss sich um einen Originallied handeln; es darf also keine Coverversion eines älteren Songs sein.
  • Die Lieder dürfen frühestens am 1. September des Vorjahres veröffentlicht werden.
  • Die Interpreten müssen mindestens 16 Jahre alt sein.
  • Es dürfen höchstens sechs Personen auf der Bühne mitwirken.
  • Beim Auftritt dürfen keine Tiere mitwirken.
  • Lied oder Auftritt dürfen keine politische Botschaft enthalten oder dem Image des Wettbewerbs schaden.
  • Irland hat mit sieben Siegen am häufigsten gewonnen, gefolgt von Schweden mit sechs Siegen. Je fünfmal haben Frankreich, Luxemburg, Großbritannien (UK) und Niederlande den ersten Platz gemacht.
  • Deutschland hat zwei Mal gewonnen: 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ gesungen von Nicole und 2010 mit „Satellite“ von Lena.
  • Mit 63 Teilnahmen ist Deutschland das Land, das am häufigsten beim ESC mitmachte.
  • Die erfolgreichste Sprache beim Wettbewerb ist Englisch mit 31 Siegesliedern, gefolgt von Französisch mit 14 Siegesliedern. In Hebräisch und Niederländisch waren je drei erstplatzierte Songs getextet.
  • Der erfolgreichste Teilnehmer kommt aus Irland. Johnny Logan gewann zweimal als Sänger (1980 mit „What’s another year“ und 1987 mit „Hold me now“) und einmal als Komponist (1992: „Why me“).
  • Der ESC machte einige Interpreten, die vorher noch weitgehend unbekannt waren, zu internationalen Stars. Das gilt besonders für die schwedische Popgruppe ABBA, die 1974 mit „Waterloo“ gewann. Die franko-kanadische Sängerin Céline Dion wurde durch ihren Sieg für die Schweiz 1988 mit „Ne partez pas sans moi“ europaweit bekannt. Zu Weltruhm durch den ESC gelangte die irische Folkloregruppe Riverdance. Sie trat 1994 als Pausenfüller auf.

Indiana Jones und die Doku auf Arte

Indiana Jones Logo (c) Lucasfilm Ltd.

Diese Doku ist wie eine Geburtstagsfeier und Schatzsuche in einem. 40 Jahre nach dem ersten Indiana-Jones-Film geht Arte dem popkulturellen Phänomen des legendären Archäologen mit Peitsche und Hut auf den Grund. Die sehenswerte Dokumentation „Indiana Jones – Eine Saga erobert die Welt“ bietet umfangreiches Archivmaterial, lässt die Macher George Lucas, Steven Spielberg und Harrison Ford über ihre Erfahrungen erzählen und zeigt, wie es ihnen gelang, das Genre Abenteuerfilm zu revolutionieren.

„Indiana Jones – Eine Saga erobert die Welt“ am Freitag 14.5. um 22.55 Uhr auf Arte und bis zum 13.7.2021 hier:

Tod auf dem Nil: Die neuen Morde

Ein Verbrechen, und alle Anwesenden verdächtig – das ist Agatha Christie! Und in ihrem Kriminalroman „Tod auf dem Nil“ geht es besonders raffiniert zu. Hier wird die Millionenerbin Linnet Ridgeway auf ihrer Hochzeitsreise ermordet. Jeder der Mitreisenden hatte ein Motiv. Die Geschichte wurde bereits 1978 glanzvoll verfilmt. Jetzt steht eine Wiederverfilmung an. Nach einigen Verschiebungen soll sie im Februar 2022 in die Kinos kommen. Kenneth Branagh übernimmt die Rolle des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot und führt Regie. Aber kann eine Wiederverfilmung dem gelungenen Klassiker noch etwas hinzusetzen? Sie kann, wie schon die Neuinszenierung von „Mord im Orient-Express“ bewies, die über einen eigenen Charme und Reiz verfügt. Auch dann, wenn man die Auflösung schon kennt. Allein der Trailer ist schon vielversprechend:

Zum Vergleich: der englischsprachige Trailer von „Tod auf dem Nil“ aus dem Jahr 1978. Arte zeigt den Klassiker am Sonntag, 2. Mai, um 20.15 Uhr.

Oscar: Wussten Sie, dass..?

Wussten Sie, dass Walt Disney die Person ist, die bisher am meisten Oscars gewonnen hat? Amüsante Fun Facts rund um den berühmtesten Filmpreis der Welt:

  • Sein offizieller Name ist Academy Award of Merit (engl. für „Verdienstpreis der Akademie“), kurz Academy Award. Er wird jedes Jahr von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) für die besten Filme des Vorjahres verliehen.
  • Woher der Spitzname „Oscar“ stammt, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Es heißt, die ehemalige Vorstandssekretärin und spätere Leiterin der Academy, Margaret Herrick, habe beim Anblick der Statue gesagt: „Der sieht ja aus wie mein Onkel Oscar!“. In den Annalen der Academy steht sie als offizielle Namensgeberin.
  • Die Filme mit den meisten Oscars sind Ben Hur, Titanic und Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs. Sie gewannen jeweils elf Trophäen.
  • Bei den Darstellerinnen wurde Katharine Hephurn (1907-2003) am häufigsten ausgezeichnet. Sie bekam den Oscar vier Mal verliehen. Meryl Streep kann die meisten Darsteller-Nominierungen (21) auf sich vereinen. Bei den Männern gewannen Jack Nicholson, Daniel Day-Lewis und Walter Brennan (1894-1974) je drei Academy Awards.
  • Die Person, die überhaupt am meisten Oscars erhielt, ist Walt Disney. Er bekam die Trophäe 26 Mal überreicht, inklusive vier Ehren-Oscars.
  • Als größte Verlierer unter den Filmen gelten Am Wendepunkt und Die Farbe Lila. Sie waren jeweils elf Mal nominiert, ohne einen einzigen Preis zu gewinnen.
  • Der bisher häufigste Oscar-Moderator ist der Entertainer Bob Hope. Er war 17 Mal Gastgeber. Die einzigen weiblichen Moderatorinnen, die allein durch die glamouröse Show führten, sind Whoopi Goldberg (vier Mal) und Ellen DeGeneres (zwei Mal).
  • Die fünf wichtigsten Kategorien – Bester Film, Beste Regie, Bester Schauspieler, Beste Schauspielerin und Bestes Drehbuch – werden auch „Best Five“ genannt. Nur drei Filmen gelang es bisher, sie zu gewinnen: Es geschah in einer Nacht, Einer flog über das Kuckucksnest und Das Schweigen der Lämmer.
  • Die Schauspielerin Greer Garson hielt 1942 eine fast siebenminütige Dankesrede. Danach wurde die Zeitbegrenzung eingeführt.
  • Die Oscar-Gewinner müssen sich seit 1950 verpflichten, dass weder sie noch ihre Erben die Statue verkaufen, ohne sie vorher der Academy für einen US-Dollar anzubieten. Weigert sich ein Gewinner, behält die Academy den Preis.

Pro7 überträgt die Oscar-Verleihung 2021 in der Nacht von Sonntag auf Montag live ab 2 Uhr, Wiederholung um 4.55 Uhr.

Erfinder, Menschenkenner, Stehaufmännchen – Frank Elstner aus der Nähe

Foto (c) Zoo Agency GmbH http://www.zooagency.de

In der Schule war er der kleine Junge mit dem Glasauge und wurde oft übergangen oder gehänselt. Aber wenn er vor der Klasse ein Gedicht aufsagte, dann hörten ihm plötzlich alle zu. Gehör muss sich Frank Elstner jetzt nicht mehr verschaffen. Auch ich hörte ihm gut zu, als ich mich das erste Mal mit ihm unterhielt. Das war 1990. Da saß ich im Publikum der von ihm moderierten ZDF-Sendung Wir stellen uns und sprach ihn hinterher an, weil ich einen Rat wollte, an wen ich eigene Showkonzepte schicken sollte. Tipps gab er mir gleich einige. Und dass er großes Interesse am Nachwuchs hat, erfuhr ich Jahre später als Redakteur bei ihm in Baden-Baden.

„Der andere könnte Recht haben“

Frank Elstner mag Menschen. Er interessiert sich für sie und hört ihnen zu. Deshalb sind seine Gespräche auch so gut. Das ist so in seinen Sendungen, genauso wie im wirklichen Leben. Auch da schätzt er die Personen um ihn herum. Er ist zum Beispiel sehr darauf bedacht, sich um jeden einzelnen Mitarbeiter zu kümmern. Vor einer Sendung gibt er jedem Tontechniker und Kabelträger die Hand. An einem Montag kam er in die Redaktion von Menschen der Woche, versammelte alle Mitarbeiter und sagte: „Leute, ich habe am Samstag fürchterlich schlecht moderiert.“ Gemeinsam haben wir dann die Sendung angeschaut und immer das Band angehalten, wenn ihm etwas nicht gefiel. Er wollte von jedem wissen, was man besser hätte machen können. Ein Lebensmotto für ihn ist der Satz des Philosophen Hans-Georg Gadamer: „Der andere könnte Recht haben.“ Das kann für ihn der Unterhaltungschef genauso wie der Praktikant oder seine Ehefrau sein. Bei der Sitzung holte er auf diese Weise die Mitarbeiter auf seine Seite. Das war die eindrucksvollste und konstruktivste Redaktionssitzung, die ich je erlebt habe.

Der Elstnertainer

Überhaupt ist Elstner ein ausgezeichneter Gastgeber. Wieder gilt: auf der Bühne wie auch in Wirklichkeit. Er kann gönnen und ist großzügig; Geiz ist ein Fremdwort für ihn. Als ich an meinem Geburtstag Pizza und Nudeln für die Redaktion bestellte, war es nicht ganz leicht, ihn zu überreden, die Einladung zu seinen geliebten Penne arrabiata für 7,50 Euro anzunehmen. Und wenn man dann zusammen mit ihm isst, kann er wunderbar Geschichten erzählen. Er ist ein brillanter Verkäufer und kann eine Kleinigkeit als absolutes Highlight präsentieren. Auch kennt er unzählige Geheimnisse von Prominenten, ist aber stets diskret dabei. Als großer Menschenkenner durchschaut er die Leute schnell. Vormachen kann man ihm nichts.

Elstner ist auch viel lockerer und lustiger als manch einer glaubt, der ihn ausschließlich aus den Medien kennt. Er hat einen etwas trockenen, manchmal sarkastischen Humor. Als er mal wegen der Quoten schlecht gelaunt war, meinte seine Frau zu ihm: „Mensch, nimm dich doch nicht so wichtig!“ Das hat er sich zu Herzen genommen, sagt er. Mehr Gelassenheit ist ein erklärtes Ziel von ihm im Alter.

„Ihr müsst wie Trüffelschweine sein“

Als seine wichtigste Eigenschaft bezeichnet er seine Neugierde. Wenn er eine Zeitung durchblättert, findet er auf Anhieb zehn Themen und Gäste, die sich für eine Talkshow eignen. „Ihr müsst wie Trüffelschweine sein“, sagte er zu uns Redakteuren, als wir für die Sendung keine guten Gäste fanden. Sich selbst sieht er auch als Journalist, der Fernsehen macht, und weniger als Entertainer.

Auch ohne Entertainer-Qualitäten ist er für mich der Kreativste und Verrückteste – im positiven Sinn – im deutschen Fernsehen, und im Kopf der Jüngste. Er will Unterhaltung ständig weiterentwickeln; etwas erfinden, was es noch nicht gibt. Dabei hat er die Methode, sich die Frage zu stellen: was fehlt im Fernsehen? So fragte er einst: warum wird im deutschen Fernsehen nicht gewettet? Oder: warum gibt es keine Gesprächsreihe mit Nobelpreisträgern? Zuvor hatte er im französischen Fernsehen eine Sendung mit dem Titel The Einsteins gesehen. Und weil ihm Tutti Frutti nicht gefiel, wollte er eine Sendung, die mal die Männer vorführt, und schuf Mann o Mann, das übrigens international noch erfolgreicher war als Wetten, dass..?.

Die Show zur Flasche

Sein Einfallsreichtum und seine Geschwindigkeit sind atemberaubend. Er erfindet auf Anhieb neue Sendungen und Spiele. Als er mich mal nach der Arbeit nach Hause fuhr, dachte er sich während der zehnminütigen Fahrt drei Formate rund um das Thema „Auto“ aus, weil er meinte, dass es keine wirklich gute Sendung dazu gäbe. Und wenn beim Essen eine Flasche Wein auf dem Tisch steht, überlegt er sich, was für eine Show man um diese Flasche herum machen könnte.

Elstner ist wagemutig, wie ein Spieler. Anstatt einen sicheren Posten in einem Sender einzunehmen, machte er sich als freier Produzent selbstständig. Etwas Neues auf den Markt zu bringen, bedeutet immer ein Risiko, finanziell und ideell. Und Flops gab es einige: von Elstner und die Detektive gab es nur eine Folge, und Flieg mit Air-TL wurde nach drei Ausgaben beendet. Mich haben seine Misserfolge immer mindestens so fasziniert wie seine Erfolge. Weil mich ihre Ansätze und Elemente begeistert haben. Deshalb wollte ich sie gegenüber Kritikern verteidigen. Bei Elstner und die Detektive unterhielt er sich mit einem Prominenten an einem geheimen Ort, und die Fernsehzuschauer mussten dieses Versteck erraten. Und Flieg mit Air-TL war die erste Reisespielshow aus einem fliegenden Flugzeug. Übrigens hat ihm die Presse nach der ersten Wetten, dass..? Sendung auch eine Totgeburt bescheinigt. Bei Thomas Gottschalk hieß es dann nach zwei Ausgaben: „Wir wollen Frank Elstner wieder haben“. Kritiker haben nicht immer Recht.

Sternzeichen: Widder

Am meisten aber hat mich beeindruckt, wie Elstner mit Niederlagen umgeht. Besonders bei Nase vorn war er immens viel Häme ausgesetzt. Während er in den achtziger Jahren durch Wetten, dass..? der beliebteste Showmaster Deutschlands war, wurde er mit Nase vorn zum Buhmann der Nation. In der Zeit des Internets wäre das ein Shitstorm gewesen. „Was ist bloß mit Frank Elstner los?“ fragte eine Zeitung scheinheilig nach der zweiten Ausgabe. Und was macht er? Er zieht sich zurück, berappelt sich, betritt mit neuem Schwung die Bühne und versucht, es besser zu machen. Von Selbstmitleid hält er ohnehin nichts. Vor allem aber steht er zu der Show, weil er weiß: im Kern ist sie gut.

Und wenn eine Sendung tatsächlich abgesetzt wird, kann Elstner auch einen Haken darunter machen. „Wenn ein Maler eines seiner Bilder nicht verkaufen konnte,“ sagte er, „dann hat er das ja nicht unbedingt weniger gern.“ Diese Einstellung hat was, dachte ich mir: innere Größe. Von diesem würdevollen Scheitern schaute ich mir etwas ab. Ich übernahm, was er in Interviews gesagt hatte: „Wenn man alles versucht hat, gibt es kein wirkliches Versagen.“ In der Zeit von Nase vorn war ich Student und verlor dadurch sämtliche Prüfungsängste. Showbusiness als Lebenshilfe sozusagen.

Und nach jedem Misserfolg kam Elstner mit neuen Sendungen wieder. Besonders gefreut hat mich, dass er gesagt hat: Wenn ihm eine neue Fernsehsendung einfällt, bietet er die noch mit neunzig an. Genau das wünsche ich mir.

Nase vorn: Die wertvollste aller Shows

Nase-vorn-Lampe

Die Erwartungen hätten nicht höher sein können. Als „Show der neunziger Jahre“ wurde sie vom ZDF angekündigt, von einer „Revolution der Fernsehunterhaltung“ war die Rede, „noch besser als Wetten, dass..?“ hieß es im Vorfeld. Frank Elstners Nase vorn, die damals teuerste deutsche Fernsehsendung, sollte 1988 den Samstagabend wiederbeleben und neue Maßstäbe setzen. Die Neugierde bei Publikum und Presse war riesengroß. Dementsprechend hoch waren bei der Premiere auch die Einschaltquoten. Doch die Öffentlichkeit reagierte anders als gewünscht. Zu langweilig, zu kompliziert sei die Show. Kein gutes Haar wurde an ihr gelassen. „Nase voll!“ und „Nase ab!“ titelten die Zeitungen. Zwar beruhigte sich nach der dritten Ausgabe und einigen Änderungen die öffentliche Diskussion ein wenig, und Nase vorn und Elstner schienen im Aufwind. Dennoch blieb die Kritik und biss sich fest. Und von Sendung zu Sendung kamen auch die Zuschauer abhanden. Nach 13 Ausgaben schmiss Elstner schließlich das Handtuch. Immerhin war die Show über den gesamten Verlauf quotenmäßig die zweiterfolgreichste Sendung des ZDF nach Wetten, dass..?. Trotzdem gilt es als größter Flop von Sender und Elstner. Leider. Denn um es klar zu sagen: Nase vorn war meine absolute Lieblingssendung, und sie ist es immer noch. Ich halte sie für Frank Elstners Meisterstück; das Kreativste, was er je gemacht hat. Und das aus vielen Gründen.

Show mit Botschaft

Nase vorn wurde als die Show der Zukunft angekündigt, und das war sie auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie hatte die Zukunft zum Inhalt. In der Sendung wurden Menschen vorgestellt, die auf irgendeinem Gebiet führend waren. Das waren meist Erfinder und Problemlöser. Da gab es den Ingenieur, der den Bus der Zukunft konstruiert hatte; die Bewohner eines Altersheims, die ihren langweiligen Alltag mit einem eigenen, hausinternen Fernsehen bunter machten; den Jogger, der beim Laufen durch den Wald Müll einsammelte; den Polizisten, der Türkisch gelernt hatte und jetzt türkischen Kindern Märchen in ihrer Sprache vorlas; und schließlich den Erfinder eines Spielautomaten, der Plastikflaschen und Batterien spielend einfach entsorgte. Unvergessen auch die Zahnärzte, die mit originellen Methoden ihren Patienten die Angst nahmen. Im Behandlungsstuhl saß übrigens Norbert Blüm, der damalige Arbeits- und Sozialminister – und Feind aller Zahnärzte. Eine Sternstunde des deutschen Fernsehens!

Daneben präsentierten Werbeagenturen Spots, die Probleme und Themen originell behandelten. Da wurde für Hausmänner geworben, der Spruch „peinlich ist menschlich“ lustig umgesetzt oder der Baum des Jahres gekürt. Und in der Sendung kurz nach der Maueröffnung sang ein deutsch-deutscher Jugendchor „Wir sind grenzenlos“. Grenzenlos schien auch die Fantasie all dieser Menschen, die das Leben lebens- und liebenswerter machten.

So fand auf der Bühne eine Revue voller Ideen statt, die konstruktiv, kreativ und originell waren und die Menschen im Kleinen und Großen weiterbrachten. Die Gäste waren beispielgebend für die Zuschauer, ob jung oder alt, und damit wie geschaffen für eine generationenverbindende Show. Mit seinen Botschaften und seiner Philosophie wurde Nase vorn für mich zur wertvollsten Sendung im deutschen Fernsehen.

Nase-vorn-Vorspann mit Eurovisionshymne

Es wird gerubbelt!

Zu diesen Inhalten kamen viele weitere moderne und fortschrittliche Elemente. Die Sendung spielte mit neuen Techniken, mit denen wir alle leben. Die ersten Faxgeräte wurden vorgestellt. Auch Heimcomputer, die damals überall Einzug hielten, kamen spielerisch zum Einsatz. Dann das Bühnenbild: das Kandidatenpanel war beweglich und rotierte auf Luftkissen. Genauso wie die Bühnenwände, hinter denen sich weitere Attraktionen verbargen. Außerdem bekam jeder Saalzuschauer eine Lampe. Durch Ein- und Ausschalten konnte das Publikum über Kandidaten und Themen abstimmen. Das ergab stimmungsvolle Bilder, wie bei einem Rockkonzert.

Am aufsehenerregendsten aber waren die Rubbelkarten, die von der Post mit der Telefonrechnung an die Haushalte verschickt wurden. Damit konnten die Fernsehzuschauer während der Sendung von zu Hause aus aktiv mitspielen. Was für ein Einfall, diese lustige und spannende Spielart mit einer Show zu verbinden! Die Rubbelkarten sind für mich Vorreiter für das Mitspielen mit Handys, das heute bei Fernsehsendungen gang und gebe ist.

Vorreiter und Trendsetter

In der Show steckten so viele neue Ideen – man könnte leicht mehrere Sendungen daraus machen. Ohnehin waren unter den neuen Elementen viele, die man später in anderen Formaten wiederfand. Und zwar nicht nur die beweglichen Bühnenteile und die Lichter im Publikum, sondern auch die Problemlöser selbst: Die Unternehmensgründer in der Höhle der Löwen sind alle klassische Nase vorn -Kandidaten. Und Das Ding des Jahres läuft direkt ab wie Nase vorn: Erfinder, über die das Publikum abstimmt. Auch ein Casting gab es schon in Nase vorn. In der ersten Ausgabe fand ein Nachwuchswettbewerb für Fernsehansagerinnen statt, später einer für Schauspielerinnen.

Nase-vorn-Rubbelkarte

Stimmung: heiter-besinnlich

Aber warum setzte sich die Sendung nicht durch? Wichtig ist, dass nach Wetten, dass..? die Fallhöhe sehr groß war. Noch dazu, weil Nase vorn nicht nur als die Show der Zukunft angekündigt worden war, sondern auch als die Show der Superlative. Der geniale Showtitel und der wunderbare Vorspann mit den rennenden Nasenhörnchen versprachen zusätzlich Tempo und Spannung. Die damit verbundenen Erwartungen der Zuschauer wurden aber nicht erfüllt. Denn das Prinzip war eben nicht schneller, höher, weiter. Elstner hatte gesagt, er wolle „Menschen vorstellen, die etwas zu erzählen haben“, und er möchte, „dass in der Sendung gelächelt wird.“ So war die Stimmung in der Show eher heiter-besinnlich. Das empfanden viele Zuschauer als langweilig. Und wenn sich der Zuschauer langweilt, ist er schnell gnadenlos.

Dann war das Spektrum der Menschen, die die Nase vorn hatten, sehr breit, vielleicht zu breit. Die Sendung hatte in ihrer Fülle keine klare Ausrichtung und kein deutliches Profil. Dadurch blieb die Botschaft oft verschwommen.

Verkannt und nicht verrannt

Insgesamt kam die Show zu früh auf den Fernsehmarkt und war ihrer Zeit voraus. Die Öffentlichkeit hatte keine Wertschätzung für die Gedanken, die ihr zugrunde lagen. So gab es die Sendung nur zwei Jahre. Für mich hätte sie ewig laufen können. Denn durch ihren Inhalt und ihre Form wäre sie immer zeitgemäß und damit zeitlos gewesen. Und wenn ich jetzt an die Lichter im Publikum denke, an die vielen großen und kleinen Ideen und an die Rubbel-Musik, dann hat Nase vorn etwas Magisches. Es ist wie mit einer schönen Tasse, die einen kleinen Sprung hat: die liebt man oft am meisten.

I can see your voice: Diese Show trifft jeden Ton

Foto (c) RTL

Gleich beginnt der Kandidat zu singen, und jeder fragt sich: Kann er es oder kann er es nicht? Das ist der spannendste Moment bei „I can see your voice“, der lustigsten und überraschendsten Sendung im deutschen Fernsehen. In der Musik-Rate-Show stehen sieben Unbekannte auf einer Bühne, und alle behaupten sie, gute Sänger zu sein. Ob das stimmt, oder ob sie Schwindler sind, stellt sich im Laufe der Sendung heraus. 

Bei „I can see your voice“ passt einfach alles: die Kandidaten sind hervorragend ausgewählt und täuschen gekonnt; das Prominenten-Panel ist bunt gemischt und liefert sich spritzige und turbulente verbale Schlagabtausche; Daniel Hartwichs Moderation ist angenehm zurückhaltend und kommentiert das Geschehen treffend. 

Die Sendung bringt frischen Wind in die Vielzahl an Musikshows und ist eine Art „Sag die Wahrheit“ mit Sängern, nur dass hier auch die echten Sänger falsche Fährten legen dürfen. Entsprechend viel wird debattiert, diskutiert und vor allem gelacht. Und am schönsten ist es immer, wenn sich alle irren. Spätestens dann macht die Sendung so viel Spaß, dass der Funke überspringt.

Die Einzelheiten von „I can see your voice“: In jeder Folge tritt ein Musik-Star mit seinem Superfan an. Gemeinsam müssen sie erraten, welche der sieben Sängerinnen und Sänger wirklich etwas können. In fünf Spielrunden bekommen sie Hinweise und lassen die schlechten Sänger ausscheiden. Im Finale singt der Musik-Star mit dem übrig gebliebenen Sänger. Nur wenn dieser tatsächlich singen kann, gewinnt der Musik-Star für seinen Superfan 10.000 Euro. Wenn sie auf einen Hochstapler hereingefallen sind, erhält dieser das Geld.

In der ersten Folge treten Alec Völkel und Sascha Vollmer von TheBossHoss mit einem Fan an. In den weiteren Folgen sind es Barbara Schöneberger, Hartmut Engler, Maite Kelly, Jeanette Biedermann und Max Mutzke.

Ein Panel aus fünf Prominenten hilft beim Raten. Thomas Herrmanns hat darin einen festen Platz. Daneben gibt es wechselnde Prominente wie etwa Oliver Pocher, Motsi Mabuse, Ilka Bessin, Tim Mälzer, Sophia Thomalla, Michael Kessler und Victoria Swarowski.

„I can see your voice“ kommt ursprünglich aus Südkorea und läuft dort seit 2015 mit großem Erfolg, mittlerweile in der siebten Staffel. Für Deutschland wird die Show von Tresor TV produziert. RTL strahlte im vergangenen August zwei Ausgaben aus. In dieser Woche beginnt eine neue Staffel mit sechs Folgen, immer dienstags um 20.15 Uhr.

Freudentränen im TV: Eine traurige Angelegenheit

Freudentränen in Fernsehshows können etwas Schönes sein. Aber nur wenn sie echt sind. Wenn nicht, dann sind sie die wohl schlimmste Form von gespielten Gefühlen, wie sie im Fernsehen leider immer öfter vorkommen. Zwei Gruppen von Fernsehschaffenden setzen falsche Freudentränen besonders gern ein, um Rührung zu zeigen: Stars, und solche, die es werden wollen.

Vor Rührung weinende Stars sieht man vor allem in Schlagershows, die an die Stelle der Sendungen mit volkstümlicher Musik getreten sind. Zu Freudentränen kommt es hier meist bei Überraschungen. Da werden Platinschallplatten überreicht, Überraschungsgäste präsentiert, Heiratsanträge gemacht. Frauen lassen sich dann gern demonstrativ ein Taschentuch reichen, um ganz vorsichtig das Gesicht unterhalb des Auges abzutupfen, damit das Makeup ja nicht verwischt. Und alles schön in die Kamera, damit es auch jeder sieht. 

Wenn die Überraschung vorhersehbar ist, und die Reaktion unnatürlich wirkt, kommen schnell Zweifel auf, ob nicht alles bloß gespielt ist. Ist das der Fall, wird der Zuschauer belogen. Am ärgerlichsten ist, dass das Publikum für so naiv gehalten wird, das Theater nicht zu durchschauen. Vor allem, wenn ganz offensichtlich keine Tränen fließen, und die schauspielerischen Fähigkeiten schlecht sind. Schade ist, wenn der Zuschauer als Folge überhaupt nichts mehr glaubt, selbst echten Überraschungen und echten Gefühlen. 

Auch Kandidaten in Casting- und Realityshows versuchen sich an gespielten Freudentränen. Die Redaktionen solcher Formate begrüßen und fördern das. Sie wollen Drama. Die Ergebnisse sind schauerlich. 

Und warum gibt es immer mehr überzogene Gefühlsausbrüche im Fernsehen? Eigentlich sind Gefühle eine intime Angelegenheit. In der Zeit von Social Media, Casting- und Realityshows hat das Bedürfnis, die eigenen Gefühle zur Schau zu stellen, zugenommen. Gleichzeitig ist die Hemmschwelle gesunken. Ein wahrer Gefühlsexhibitionismus hat sich breitgemacht. Immer mehr Internet-User und Show-Kandidaten wollen im Mittelpunkt stehen, sich mit ihrer Gefühlswelt inszenieren und damit Geld verdienen. 

Außerdem versuchen die Sendeformate und ihre Akteure, die um die Aufmerksamkeit des Zuschauers kämpfen, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Ein emotionaler Höhepunkt muss den anderen jagen; Steigerung inbegriffen. Wenn echte Gefühle nicht mehr reichen, wird schnell getrickst. Das Ergebnis: von allem zu viel und überdrehte Reaktionen bis hin zur Hysterie. 

Aber das Spiel mit den Gefühlen ist eine Gratwanderung. Es kann nicht ununterbrochen emotionale Höhepunkte geben. Sonst sticht nichts mehr hervor, und es gibt überhaupt keinen Höhepunkt mehr. Also ist weniger mehr. Und nur echte Gefühle sind glaubwürdig und erzielen ihre Wirkung beim Zuschauer.