Lektion: Reden wie Politiker

In dieser Lektion wollen wir lernen, wie wir als Politiker in einer Talkshow immer eine gute Figur machen. Das ist ganz einfach. Wir arbeiten dabei mit sogenannten TV-Standardsätzen. Das sind abgedroschene Phrasen, die wir alle schon hundertmal in Talkshows gehört haben, und mit denen wir uns wunderbar aus der Affäre ziehen können.

Sie müssen wissen: Talkshow-Moderatoren haben die Eigenart, oft unangenehme Fragen zu stellen. Aber das soll uns nicht stören. Völlig unabhängig von der ersten Frage des Moderators, antworten Sie mit dem TV-Standardsatz:

Ich bin froh, dass Sie mir diese Frage stellen!

Und Sie fahren unbeirrt fort:

Lassen Sie mich aber zuerst zu dem Thema … etwas sagen.

Sie antworten also grundsätzlich nicht auf die Frage. Das wäre ja noch schöner. Damit gewinnen Sie Zeit und sind fürs Erste schon mal aus dem Schneider.

Der Moderator wird aber erfahrungsgemäß nachhaken. Lassen Sie nun in Ihre Antwort einfach folgende Sätze einfließen:

Wir werden das in der Partei zu gegebener Zeit erörtern.

Und:

Studien haben das bewiesen.

Sowie:

Jetzt ist nicht die Zeit für Personaldiskussionen.

Gibt der Moderator immer noch nicht auf, geben Sie sich mitfühlend und formulieren:

Das macht mich ein Stück weit betroffen.

Sie fahren fort mit:

Ich will Politik für die kleinen Leute machen.

Und Sie setzen noch eins drauf:

Ich denke auch an die alleinerziehende Krankenschwester.

Und wissen Sie mal gar nicht, was Sie sagen sollen, gibt es die sogenannten Was-immer-geht-Sätze wie zum Beispiel:

Ich bin für mehr soziale Gerechtigkeit.

Oder:

Ich will Zukunft gestalten.

Und ein wahrer Knaller unter den Was-immer-geht-Sätzen ist:

Ich finde, wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.

Wenn Sie schon etwas fortgeschritten sind, können Sie den folgenden Satz auswendig lernen:

Was wir brauchen sind substantielle Reformen mit identitätsstiftender Wirkung als Strategie für nachhaltigen Fortschritt.

Was das heißen soll, weiß kein Mensch. Aber es klingt gut! Und passt immer.

Mit diesem Handwerkszeug sind nun Sie bestens gerüstet für Ihren künftigen Auftritt bei Will, Plasberg, Lanz, Maischberger und Illner.

Runden Ihr rhetorisches Kunstwerk ab mit dem Satz:

Das ist es, was wir unseren Wählerinnen und Wählern schuldig sind!

Sie werden sehen, der Beifall – und die Talkshow – gehören Ihnen!

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