Allgemein, Fernsehen

Freudentränen im TV: Eine traurige Angelegenheit

Freudentränen in Fernsehshows können etwas Schönes sein. Aber nur wenn sie echt sind. Wenn nicht, dann sind sie die wohl schlimmste Form von gespielten Gefühlen, wie sie im Fernsehen leider immer öfter vorkommen. Zwei Gruppen von Fernsehschaffenden setzen falsche Freudentränen besonders gern ein, um Rührung zu zeigen: Stars, und solche, die es werden wollen.

Vor Rührung weinende Stars sieht man vor allem in Schlagershows, die an die Stelle der Sendungen mit volkstümlicher Musik getreten sind. Zu Freudentränen kommt es hier meist bei Überraschungen. Da werden Platinschallplatten überreicht, Überraschungsgäste präsentiert, Heiratsanträge gemacht. Frauen lassen sich dann gern demonstrativ ein Taschentuch reichen, um ganz vorsichtig das Gesicht unterhalb des Auges abzutupfen, damit das Makeup ja nicht verwischt. Und alles schön in die Kamera, damit es auch jeder sieht. 

Wenn die Überraschung vorhersehbar ist, und die Reaktion unnatürlich wirkt, kommen schnell Zweifel auf, ob nicht alles bloß gespielt ist. Ist das der Fall, wird der Zuschauer belogen. Am ärgerlichsten ist, dass das Publikum für so naiv gehalten wird, das Theater nicht zu durchschauen. Vor allem, wenn ganz offensichtlich keine Tränen fließen, und die schauspielerischen Fähigkeiten schlecht sind. Schade ist, wenn der Zuschauer als Folge überhaupt nichts mehr glaubt, selbst echten Überraschungen und echten Gefühlen. 

Auch Kandidaten in Casting- und Realityshows versuchen sich an gespielten Freudentränen. Die Redaktionen solcher Formate begrüßen und fördern das. Sie wollen Drama. Die Ergebnisse sind schauerlich. 

Und warum gibt es immer mehr überzogene Gefühlsausbrüche im Fernsehen? Eigentlich sind Gefühle eine intime Angelegenheit. In der Zeit von Social Media, Casting- und Realityshows hat das Bedürfnis, die eigenen Gefühle zur Schau zu stellen, zugenommen. Gleichzeitig ist die Hemmschwelle gesunken. Ein wahrer Gefühlsexhibitionismus hat sich breitgemacht. Immer mehr Internet-User und Show-Kandidaten wollen im Mittelpunkt stehen, sich mit ihrer Gefühlswelt inszenieren und damit Geld verdienen. 

Außerdem versuchen die Sendeformate und ihre Akteure, die um die Aufmerksamkeit des Zuschauers kämpfen, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Ein emotionaler Höhepunkt muss den anderen jagen; Steigerung inbegriffen. Wenn echte Gefühle nicht mehr reichen, wird schnell getrickst. Das Ergebnis: von allem zu viel und überdrehte Reaktionen bis hin zur Hysterie. 

Aber das Spiel mit den Gefühlen ist eine Gratwanderung. Es kann nicht ununterbrochen emotionale Höhepunkte geben. Sonst sticht nichts mehr hervor, und es gibt überhaupt keinen Höhepunkt mehr. Also ist weniger mehr. Und nur echte Gefühle sind glaubwürdig und erzielen ihre Wirkung beim Zuschauer.

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